Die soziale Dimension des Evangeliums. Eine kommentierende Lektüre von Evangelii Gaudium. Teil 10

Von Benedikt Kern.

Das Reich Gottes als die zentrale Kategorie der Evangelisierung

Die Dritte Welt harrt nach wie vor dringend der Befreiung, und die beste Art, diese theologisch anzugehen, ist immer noch, es vom Reich Gottes aus zu tun“ Jon Sobrino

Im Rahmen des Kapitel IV über die soziale Dimension der Evangelisierung stellen die Artikel 180-181 die theologische Fundierung dar, indem hier aufgezeigt wir, wie das Reich Gottes im Mittelpunkt des Glaubens und der Evangelisierung steht. Sie sind überschrieben mit: Das Reich, das uns ruft. Beide Artikel sind als Grundlage für die Konkretion des Evangeliums in der Welt von heute zu verstehen. Sie zeigen auf, welche Konsequenzen das Evangelium für das Gesellschaftsleben hat (vgl. EG 180) und wie es deshalb in allen Milieus und Völkern verkündet werden muss (vgl. EG 181). Dadurch kommt die Dimension des Gottesreiches nicht lediglich als Zusatz zur Konkretion des Evangeliums hinzu, sondern stellt sein Zentrum dar.

Aus befreiungstheologischer Perspektive ist es spannend festzustellen, dass für Franziskus „evangelisieren bedeutet, das Reich Gottes in der Welt gegenwärtig zu machen“ (EG 176). Es geht ihm bei der Evangelisierung nicht um die Verbreitung der Lehre Jesu als individualistische, spiritualisierte Lebenshilfe. Auch geht es nicht um die Anwerbung neuer Mitglieder für die Gemeinschaft der Getauften. Vielmehr bedeutet Evangelisierung für Franziskus die Veränderung der herrschenden Verhältnisse. Die Vehemenz der Kritik an den Umständen der Unterdrückung einer Mehrheit der Menschheit und der Vergewaltigung der Schöpfung wird mit seiner Kritik an der entgrenzten Wirtschaft zugespitzt (v.a. in Kap. II, bes. Art. 52-60, und Kap. IV). Diese Kapitalismuskritik hat eine Schlüsselfunktion im Verständnis der Geschichtlichkeit des Reiches Gottes als realisierte Gegenwirklichkeit zur derzeitigen Ungerechtigkeit, als eine Welt, in der alle gut leben können.

Er betont, dass es in der Sendung Jesu durch seinen Vater sowie der Aussendung der Nachfolger_innen, darum geht, das Reich Gottes in den Mittelpunkt zu stellen als Maßgabe des Hoffens und Handelns. Deutlich wird in Art. 180 direkt zu Beginn, dass es beim Reich des Gottes der Bibel nicht um eine persönliche, folgenlose Heiligung gehen kann, sondern um die Liebe zu Gott selber, dessen Verherrlichung darin besteht, dass die Armen leben können: „Es geht darum, Gott zu lieben, der in der Welt herrscht“, so Franziskus. „In dem Maß, in dem er [Gott, BK] unter uns herrschen kann, wird das Gesellschaftsleben für alle ein Raum der Brüderlichkeit, der Gerechtigkeit, des Friedens und der Würde sein.“ Oder wie Oscar Romero es ausdrückte: Gloria Dei, vivens Pauper. Für ein Leben für alle muss dieses Reich gesucht werden, das im Evangelium angeboten wird, „dann wird euch alles andere dazugegeben (Mt 6,33).“

Die Befreiungstheologie sieht mit dem Primat der geschichtlichen Befreiung der Unterdrückten, das Reich Gottes als ausdrücklichste Aussage des ultimums, der Totalität des christlichen Glaubens.1 Eschatologie wird als geschichtliche Befreiung und Erlösung der Armen verstanden und der adäquateste Ausdruck der Befreiung findet sich im Reich Gottes.2

Franziskus betont, dass die gelebte christliche Hoffnung in der Suche nach dem Reich Gottes Geschichte „erzeugt“, d.h. sie verändert und umstößt. Durch die „Einheit von Glauben und Gerechtigkeit, von der Gotteserkenntnis durch das Tun der Gerechtigkeit“3 wird die ausgerichtete Geschichte als Heilsgeschichte tatsächlich erlebbar.

Franziskus stellt heraus, dass es sich beim Reich Gottes um eine universale, hoffnungsvolle Verheißung an alle Menschen handelt, „da der himmlische Vater will, dass alle Menschen gerettet werden“. Diese Universalität ist nicht im Sinne kolonialer und vereinnahmender Mission zu verstehen, sondern als die Rettung aller Menschen zu einem Leben in Fülle. Beim Missionsauftrag handelt es sich somit um den Auftrag der Errichtung gerechter Verhältnisse nach dem Liebes- und somit Solidaritätsgebot Jesu. Kritisch sei an dieser Stelle angemerkt, dass die von Franziskus verwendeten Verweise auf Eph 1,10, Mk 16,15, Röm 8,19 und das Dokument von Aparecida durchaus auch missverständlich sein können und verkürzt die Auslegung in Richtung auf ein herrschaftliches, traditionelles Missionsverständnis offen lassen, indem dieses nicht ausdrücklich kritisiert und ausgeschlossen wird. Um ein solches Missverständnis zu vermeiden, ist es wichtig, den Verkündigungsauftrag im Kontext des Reiches Gottes zu verstehen, welches in seiner Errichtung politische und religiöse Machtverhältnisse und koloniale Unterdrückungsstrukturen zu überwinden sucht.

In der Mitarbeit am Reich Gottes wird bereits deutlich, was dem Innersten des Gottesreiches entspricht, es ist nämlich „vorweggenommen […] und wächst“: Es vereinigt Transzendenz, das, was über unsere Wirklichkeit und unsere Möglichkeiten hinausgeht, und Geschichte, die politisch gestaltet werden muss. Die Gottesherrschaft entspringt der vorausgehenden Initiative des schöpferischen Gottes und dennoch erfordert sie eine materielle Praxis. Diese Gegenwirklichkeit kommt von Gott her, weil dem Menschen die Verwirklichung der Utopie nicht alleine gelingen kann, doch der Mensch ist der Dringlichkeit ausgesetzt, seinen Einsatz zu erbringen, für das, was unmöglich erscheint.4

In der Verwirklichung dieses Reiches Gottes bedarf es der Nachfolge Jesu, als Praxis der Gerechtigkeit und Solidarität für das Leben in Fülle aller – Franziskus erinnert daran, dass wir aufgefordert sind, die Trägheit zu überwinden und die Hoffnung zur Grundlage befreiender Glaubenspraxis zu machen.

In den folgenden Konkretisierungen der Parteilichkeit (EG 197ff, Der bevorzugte Platz der Armen im Volk Gottes) wird das Reich Gottes, dessen vorrangige Adressaten die Armen sind, als zentraler Bezugspunkt weiter ausformuliert und in den prophetischen Forderungen nach der gerechten Verteilung der Ressourcen und der strukturellen Bekämpfung von Armut (EG 202ff) ausbuchstabiert.

Franziskus stößt in seinem Nein zu dieser Wirtschaft, die tötet, einen Protestschrei aus, in dem die Beharrung der verarmten Mehrheit auf Befreiung, wie im einleitenden Zitat von J. Sobrino, eine eindeutige Praxisrichtung bekommt. Das Reich Gottes der Gerechtigkeit, des Friedens und der Solidarität wird im Protestschrei Franziskus‘ ins Zentrum gestellt. Es ist ein befreiender und parteilicher Protestschrei gegen die geschichtliche Sünde der Ausbeutung in unserer Zeit.

Anmerkungen:

1Vgl. Sobrino, Die zentrale Stellung des Reiches Gottes in der Theologie der Befreiung. In: Ellacuría, Sobrino (Hg.), Mysterium Liberationis I., Luzern 1995. 461-506, hier 462f. Zitiert als: Sobrino, Reich Gottes.

2Vgl. Gutiérrez, Theologie der Befreiung, Mainz 1973. 197ff.

3 Sobrino, Reich Gottes. 503.

4 Vgl. ebd. 499f.

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Der Text

Das Reich, das uns ruft

180. Aus einer Lektüre der Schrift geht außerdem klar hervor, dass das Angebot des Evangeliums nicht nur in einer persönlichen Beziehung zu Gott besteht. Und unsere Antwort der Liebe dürfte auch nicht als eine bloße Summe kleiner persönlicher Gesten gegenüber irgendeinem Notleidenden verstanden werden; das könnte eine Art „Nächstenliebe à la carte“ sein, eine Reihe von Taten, die nur darauf ausgerichtet sind, das eigene Gewissen zu beruhigen. Das Angebot ist das Reich Gottes (vgl. Lk 4,43); es geht darum, Gott zu lieben, der in der Welt herrscht. In dem Maß, in dem er unter uns herrschen kann, wird das Gesellschaftsleben für alle ein Raum der Brüderlichkeit, der Gerechtigkeit, des Friedens und der Würde sein. Sowohl die Verkündigung als auch die christliche Erfahrung neigen dazu, soziale Konsequenzen auszulösen. Suchen wir sein Reich: »Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben« (Mt 6,33). Der Plan Jesu besteht darin, das Reich seines Vaters zu errichten; er verlangt von seinen Jüngern: »Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe« (Mt 10,7).

181. Das Reich, das unter uns vorweggenommen wird und wächst, betrifft alles und erinnert uns an jenes Unterscheidungsprinzip, das Paul VI. in Bezug auf die wahre Entwicklung aufstellte: »jeden Menschen und den ganzen Menschen«145 im Auge zu haben. Wir wissen, dass »die Evangelisierung nicht vollkommen [wäre], würde sie nicht dem Umstand Rechnung tragen, dass Evangelium und konkretes Leben des Menschen als Einzelperson und als Mitglied einer Gemeinschaft einander ständig beeinflussen«.146 Es handelt sich um das der Dynamik des Evangeliums eigene Kriterium der Universalität, da der himmlische Vater will, dass alle Menschen gerettet werden, und sein Heilsplan darin besteht, alles, was im Himmel und auf Erden ist, unter einem einzigen Herrn, nämlich Christus, zu vereinen (vgl. Eph 1,10). Der Auftrag lautet: »Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!« (Mk 16,15), denn »die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes« (Röm 8,19). Die ganze Schöpfung – das heißt auch alle Aspekte der menschlichen Natur: »Der Missionsauftrag, die Gute Nachricht von Jesus Christus zu verkünden, bezieht sich auf die ganze Welt. Jesu Liebesgebot schließt alle Dimensionen des Daseins ein, alle Menschen, alle Milieus und alle Völker. Nichts Menschliches ist ihm fremd.«147 Die wahre christliche Hoffnung, die das eschatologische Reich sucht, erzeugt immer Geschichte.

Anmerkungen

145 Enzyklika Populorum progressio (26. März 1967), 14: AAS 59 (1967), 264.

146 Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi (8. Dezember 1975), 29: AAS 68 (1976), 25.

147 V. Generalversammlung der Bischöfe von Latein-amerika und der Karibik, Dokument von Aparecida (29. Juni 2007), 380.