Die Pfarrei in diakonischem Dienst. Eine kommentierende Lektüre von Evangelii Gaudium. Teil 3


Bemerkenswert ist, dass der Papst die Pfarrei von ihrem missionarischen und diakonischen Dienst in ihrem jeweiligen Territorium her bestimmt

Norbert Mette

I.2 Seelsorge in Neuausrichtung

In Abschn. 25 unterstreicht Papst Franziskus die „programmatische Bedeutung“, die er seinem Apostolischen Schreiben beimisst. Er zielt mit ihm eine pastorale und missionarische Neuausrichtung seiner Kirche an.

Dieser Appell zur Neuausrichtung richtet sich laut Abschn. 26 nicht nur an Einzelpersonen, sondern an die Kirche insgesamt. Es geht um „die Öffnung für eine ständige Reform ihrer selbst in Treue zu Jesus Christus“, um ihre Treue gegenüber ihrer eigenen Berufung. Der Papst unterscheidet zwischen die Dynamik der Evangelisierung beeinträchtigenden kirchlichen Strukturen, die es zu reformieren gilt, und guten Strukturen, die das kirchliche Leben beseelen.

In den Abschn. 27-33 konkretisiert er mit Blick auf die verschiedenen Ebenen des kirchlichen Wirkens, was er an kirchlicher Erneuerung für unaufschiebbar hält.

Er leitet im Abschn. 27 seine Ausführungen dazu mit einem Traum ein. Der Papst hat eine Vision von einer missionarischen Kirche, die für ihn nicht nur Traum bleiben soll, sondern für die er eine Entscheidung anstrebt, dass sie umgesetzt wird.

In Abschn. 28 erläutert er, was er auf der Ebene der Pfarrei für notwendig hält. Er hält sie nicht für eine überholte Struktur, sondern schreibt ihr eine große Formbarkeit und Beweglichkeit zu mit Blick auf die Herausforderungen, die sich vor Ort für die Kirche stellen. Entscheidend ist für ihn, dass sie nahe bei den Menschen ist – eine Maßgabe, die er gegenwärtig nicht hinreichend eingelöst sieht. Mit Blick auf die katholische Kirche im deutschsprachigen Raum ist zu fragen, ob nicht mit der Vergrößerung der pastoralen Räume das Gegenteil dessen erreicht wird. Bemerkenswert ist, dass der Papst die Pfarrei von ihrem missionarischen und diakonischen Dienst in ihrem jeweiligen Territorium her bestimmt, für die die ganze Gemeinschaft und nicht allein ein ordinierter Leiter Verantwortung trägt.

Abschn. 29 geht auf die Basisgemeinden und andere kleine Gemeinschaften und Bewegungen in der Kirche ein. Der Papst bescheinigt ihnen einen neuen Evangelisierungs-Eifer, der der ganzen Kirche zugute kommt. Dabei legt er aber Wert darauf, dass diese Gruppen in die Pfarrei und in das Bistum eingefügt bleiben und nicht als „Nomaden ohne Verwurzelung“ irgendwo herumirren. Was der Papst hier unter Basisgemeinden und den kleinen kirchlichen Gemeinschaften und Bewegungen versteht, erläutert er nicht. Das Spektrum, das sich seit dem Konzil in der Kirche ausgebildet hat, reicht von den besonders von armen Leuten getragenen und stark sozial engagierten Basisgemeinden, wie sie in der lateinamerikanischen Kirche ihren Ursprung und sich über die ganze Kirche vor allem in der südlichen Hemisphäre verbreitet haben, bis hin zu mehr auf eine innere Erneuerung der Gläubigen abhebende neue kirchlichen Bewegungen, die teils offen der modernen pluralen Welt gegenüber sind, teils integralistische Absichten verfolgen. Angesichts dieser Vielfalt unterlässt der Papst in diesem Abschnitt eine Unterscheidung, die er ansonsten immer wieder einfordert. Er geht auch nicht auf die Schwierigkeiten ein, die nicht wenige Basisgemeinden haben, sich – wie der Papst es wünscht – in die „Großkirche“ zu integrieren. Nicht sie sind es nämlich vielfach, die sich absondern, sondern sie haben leidvoll erfahren, dass in manchen Pfarreien und Bistümern eine Insider-Mentalität vorherrscht, die die Basisgemeinden als Fremdkörper und Störenfriede betrachtet und ihnen darum einen Platz in ihren (geschlossenen) Reihen verwehren. Häufig genug hat das zu erheblichen Konflikten geführt und die Basisgemeinden veranlasst, ihren eigenen Weg in der Nachfolge Jesu Christi zu suchen und zu gehen. Wo demgegenüber etwa Bischöfe und Pfarrer den Basisgemeinden gegenüber aufgeschlossen sind und sie unterstützen, gibt es keine Probleme mit der Integration und Kooperation.

Die Abschn. 30 und 31 befassen sich mit dem Auftrag der Teilkirche, also des Bistums, und mit dem Amt und der Sendung des Leiters der Teilkirche, des Bischofs. Bemerkenswert ist, dass der Papst seinen immer wieder erhobenen Appell, die Kirche müsse an die Peripherien gehen, hier mit Blick auf das jeweilige Territorium eines Bistums und seine sich wandelnden soziokulturellen Umfelder wiederholt. Einem Bischof kommt es nach Auffassung des Papstes durchaus zu, sich an die Spitze zu stellen, aber dies konsequent im Dienst am Evangelium und im Sinne des ihm anvertrauten gläubigen Volkes. Auf es muss er unbedingt hören und seine Mitsprachemöglichkeiten bei Beratungen und Entscheidungen über Angelegenheiten, die das Bistum betreffen, institutionell gewährleisten. Denn – so argumentiert der Papst – das gläubige Volk verfüge über einen originären „Spürsinn“, „um neue Wege zu finden“. Bei all dem müsse es nicht um die kirchliche Organisation zu tun sein, sondern darum, mit der frohen Botschaft alle Menschen zu erreichen.

Nachzutragen ist noch zu den Abschn. 28-31, dass, wie den Anmerkungen zu entnehmen ist, Papst Franziskus hier auf Vorlagen zurückgreift, die ihm die letzte Bischofssynode, die im Oktober 2012 zum Thema „Die neue Evangelisierung für die Weitergabe des christliche Glaubens“ getagt hat (vgl. Abschn. 14), hinterlassen hat.

In Abschn. 32 kommt der Papst – wie er betont, konsequenterweise – auf sein eigenes Amt, das Papsttum zu sprechen. Er greift die Mahnung von Papst Johannes Paul II, die Ausübung dieses Amtes bedürfe einer dringlichen Klärung und Neuausrichtung und stellt nüchtern fest, dass man seitdem in diesem Sinne bislang nur wenig vorangekommen sei. Ein Anliegen des letzten Konzils aufgreifend, plädiert er für eine Stärkung der Bischofskonferenzen und damit einhergehend für eine Dezentralisierung innerhalb der Kirche. Die Bischofskonferenzen müssten über fest gelegte Kompetenzbereiche verfügen, über die sie selbständig zu entscheiden hätten; und er spricht ihnen eine authentische Lehrautorität zu – was er übrigens in diesem Schreiben bereits in der Weise beherzigt, dass er in seiner Argumentation immer wieder auf Beschlüsse von verschiedenen Bischofskonferenzen verweist. Auf die Reform der Kurie geht der Papst in diesem Schreiben nicht ein. Mit der Aufgabe, dazu Vorschläge zu erarbeiten, hat er bekanntlich eine eigene Kardinalskommission befasst.

In einem Beitrag zum 25. Jahrestag der „Kölner Erklärung“ für die Katholische Nachrichtenagentur (veröffentlicht am 2.1.2014) ist Dietmar Mieth auch auf die vom Papst anvisierte Reform des Papstamtes eingegangen. U.a. schreibt er dazu: „Das Papstamt hatte sich seit dem 19. Jahrhundert mit geradezu absoluter Macht ausstatten lassen… Die Fülle und Autorität des Amtes kann ein einzelner nur wahrnehmen, wenn er Aufgaben delegiert. Die Macht war von einer Einzelperson – mit welcher Kompetenz und mit welchem Charisma auch immer – spätestens im Zeitalter von Globalisierung und Pluralisierung weder überschaubar noch beherrschbar… [Denn] diese gemeinsame Leitungsverantwortung aller Bischöfe wird durch die vorherige Kontrolle ihrer Unterwerfungsbereitschaft unter die Vorgaben der Kurie nicht gerade befördert… Wenn also eine Kurienreform zum Wohle der Kirche und zur `Freude des Evangeliums´ wirksam sein soll, muss die Ausübung der päpstlichen Rechtsgewalt fundamental neu durchdacht werden. Wenn theologische Lehre, priesterliche Weihe und menschennahe Seelsorge immer unter dem Vorbehalt delegierter päpstlicher Rechtsgewalt stehen, ist die Kirche auch im geistlichen Sinne schlecht durchgelüftet. Es geht nicht um die Illusion, die Kirche basisdemokratisch gleichzuschalten. Aber viel wäre gewonnen, wenn die Kirche dem Bild des Zweiten Vatikanischen Konzils von einer Kommunikationsgemeinschaft ohne Einbahnstraßen entsprechen könnte.“ (Aus aktuellem Anlass befasst sich Heft 5/2013 der Internationalen Zeitschrift für Theologie „Concilium“ mit der Reform der Römischen Kurie.)

In Abschn. 33 schließlich fordert der Papst nochmals zu Wagemut und Kreativität auf, um die fällige und von ihm angemahnte Erneuerung der Kirche im Sinne ihrer Berufung voranzutreiben. Alle müssten daran beteiligt werden. Man müsse sich endlich verabschieden von der bequemen, zur Entschuldigung für Nichtstun herhalten müssenden pastoralen Devise, es sei immer schon so gemacht worden.

I.3 Aus dem Herzen des Evangeliums

In Abschn. 34 führt der Papst als eine problematische Folge der neuen und ungemein schnell gewordenen Medienkommunikation an, dass Aspekte der kirchlichen Lehre aus ihrem Zusammenhang gerissen und damit verzerrt dargestellt würden. Das sei insbesondere bei Stellungnahmen zu moralischen Fragen der Fall, die in ihrer Bedeutung mit Bezug auf „das Eigentliche der Botschaft Jesu Christ“ überinterpretiert würden.

Deswegen gelte es – so Abschn. 35 und 36 –, die Botschaft auf das Wesentliche zu konzentrieren und die „Hierarchie der Wahrheiten“ zu beachten.

In Abschn. 37 verweist der Papst auf die Lehre von Thomas von Aquin, der zufolge es auch in der kirchlichen Morallehre eine Hierarchie gebe und als die größte aller Tugenden die Barmherzigkeit zu gelten habe.

Abschn. 38 bekräftigt nochmals das Gebot der Konzentration auf das Wesentliche. Der Papst prangert an, dass es in der Verkündigung nicht selten zu einem Missverhältnis zwischen zentralen und weniger zentralen Wahrheiten komme.

Im Mittelpunkt habe immer – so Abschn. 39 – die frohe Botschaft von dem Gott zu stehen, der die Menschen liebt und sie rettet. Es sei fatal, wenn diese Einladung an alle Menschen verdunkelt würde. Dann würde die kirchliche Lehre einem Kartenhaus gleichen und die Verkündigung nicht dem Evangelium, sondern selbst zurecht geschneiderten theologischen Optionen folgen.

Prof. Dr. em. N. Mette/ Münster

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Der Text

II. Seelsorge in Neuausrichtung

25. Ich weiß sehr wohl, dass heute die Dokumente nicht dasselbe Interesse wecken wie zu anderen Zeiten und schnell vergessen werden. Trotzdem betone ich, dass das, was ich hier zu sagen beabsichtige, eine programmatische Bedeutung hat und wichtige Konsequenzen beinhaltet. Ich hoffe, dass alle Gemeinschaften dafür sorgen, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um auf dem Weg einer pastoralen und missionarischen Neuausrichtung voranzuschreiten, der die Dinge nicht so belassen darf wie sie sind. Jetzt dient uns nicht eine »reine Verwaltungsarbeit«.21 Versetzen wir uns in allen Regionen der Erde in einen »Zustand permanenter Mission«.22

26. Paul VI. forderte, den Aufruf zur Erneuerung auszuweiten, um mit Nachdruck zu sagen, dass er sich nicht nur an Einzelpersonen wandte, sondern an die gesamte Kirche. Wir erinnern an diesen denkwürdigen Text, der seine interpellierende Kraft nicht verloren hat: »Die Kirche muss das Bewusstsein um sich selbst vertiefen und über das ihr eigene Geheimnis nachsinnen […] Aus diesem erleuchteten und wirkenden Bewusstsein erwächst ein spontanes Verlangen, das Idealbild der Kirche wie Christus sie sah, wollte und liebte, als seine heilige und makellose Braut (vgl. Eph 5,27), mit dem wirklichen Gesicht, das die Kirche heute zeigt, zu vergleichen […] Es erwächst deshalb ein großherziges und fast ungeduldiges Bedürfnis nach Erneuerung, das heißt nach Berichtigung der Fehler, die dieses Bewusstsein aufzeigt und verwirft, gleichsam wie eine innere Prüfung vor dem Spiegel des Vorbildes, das Christus uns von sich hinterlassen hat.«23

Das Zweite Vatikanische Konzil hat die kirchliche Neuausrichtung dargestellt als die Öffnung für eine ständige Reform ihrer selbst aus Treue zu Jesus Christus: »Jede Erneuerung der Kirche besteht wesentlich im Wachstum der Treue gegenüber ihrer eigenen Berufung […] Die Kirche wird auf dem Wege ihrer Pilgerschaft von Christus zu dieser dauernden Reform gerufen, deren sie allzeit bedarf, soweit sie menschliche und irdische Einrichtung ist.«24

Es gibt kirchliche Strukturen, die eine Dynamik der Evangelisierung beeinträchtigen können; gleicherweise können die guten Strukturen nützlich sein, wenn ein Leben da ist, das sie beseelt, sie unterstützt und sie beurteilt. Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne „Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung“ wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben.

Eine unaufschiebbare kirchliche Erneuerung

27. Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient. Die Reform der Strukturen, die für die pastorale Neuausrichtung erforderlich ist, kann nur in diesem Sinn verstanden werden: dafür zu sorgen, dass sie alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist, dass sie die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des „Aufbruchs“ versetzt und so die positive Antwort all derer begünstigt, denen Jesus seine Freundschaft anbietet. Wie Johannes Paul II. zu den Bischöfen Ozeaniens sagte, muss »jede Erneuerung in der Kirche […] auf die Mission abzielen, um nicht einer Art kirchlicher Introversion zu verfallen.«25

28. Die Pfarrei ist keine hinfällige Struktur; gerade weil sie eine große Formbarkeit besitzt, kann sie ganz verschiedene Formen annehmen, die die innere Beweglichkeit und die missionarische Kreativität des Pfarrers und der Gemeinde erfordern. Obwohl sie sicherlich nicht die einzige evangelisierende Einrichtung ist, wird sie, wenn sie fähig ist, sich ständig zu erneuern und anzupassen, weiterhin »die Kirche [sein], die inmitten der Häuser ihrer Söhne und Töchter lebt«.26 Das setzt voraus, dass sie wirklich in Kontakt mit den Familien und dem Leben des Volkes steht und nicht eine weitschweifige, von den Leuten getrennte Struktur oder eine Gruppe von Auserwählten wird, die sich selbst betrachten. Die Pfarrei ist eine kirchliche Präsenz im Territorium, ein Bereich des Hörens des Wortes Gottes, des Wachstums des christlichen Lebens, des Dialogs, der Verkündigung, der großherzigen Nächstenliebe, der Anbetung und der liturgischen Feier.27 Durch all ihre Aktivitäten ermutigt und formt die Pfarrei ihre Mitglieder, damit sie aktiv Handelnde in der Evangelisierung sind.28 Sie ist eine Gemeinde der Gemeinschaft, ein Heiligtum, wo die Durstigen zum Trinken kommen, um ihren Weg fortzusetzen, und ein Zentrum ständiger missionarischer Aussendung. Wir müssen jedoch zugeben, dass der Aufruf zur Überprüfung und zur Erneuerung der Pfarreien noch nicht genügend gefruchtet hat, damit sie noch näher bei den Menschen sind, Bereiche lebendiger Gemeinschaft und Teilnahme bilden und sich völlig auf die Mission ausrichten.

29. Die anderen kirchlichen Einrichtungen, Basisgemeinden und kleinen Gemeinschaften, Bewegungen und andere Formen von Vereinigungen sind ein Reichtum der Kirche, den der Geist erweckt, um alle Umfelder und Bereiche zu evangelisieren. Oftmals bringen sie einen neuen Evangelisierungs-Eifer und eine Fähigkeit zum Dialog mit der Welt ein, die zur Erneuerung der Kirche beitragen. Aber es ist sehr nützlich, dass sie nicht den Kontakt mit dieser so wertvollen Wirklichkeit der örtlichen Pfarrei verlieren und dass sie sich gerne in die organische Seelsorge der Teilkirche einfügen.29 Diese Integration wird vermeiden, dass sie nur mit einem Teil des Evangeliums und der Kirche verbleiben oder zu Nomaden ohne Verwurzelung werden.

30. Jede Teilkirche ist als Teil der katholischen Kirche unter der Leitung ihres Bischofs ebenfalls zur missionarischen Neuausrichtung aufgerufen. Sie ist der wichtigste Träger der Evangelisierung30, insofern sie der konkrete Ausdruck der einen Kirche an einem Ort der Welt ist und in ihr »die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche Christi wahrhaft wirkt und gegenwärtig ist«.31 Es ist die Kirche, die in einem bestimmten Raum Gestalt annimmt, mit allen von Christus geschenkten Heilsmitteln versehen ist, zugleich jedoch ein lokales Angesicht trägt. Ihre Freude, Jesus Christus bekannt zu machen, findet ihren Ausdruck sowohl in ihrer Sorge, ihn an anderen, noch bedürftigeren Orten zu verkünden, als auch in einem beständigen Aufbruch zu den Peripherien des eigenen Territoriums oder zu den neuen soziokulturellen Umfeldern.32 Sie setzt sich dafür ein, immer dort gegenwärtig zu sein, wo das Licht und das Leben des Auferstandenen am meisten fehlen.33 Damit dieser missionarische Impuls immer stärker, großherziger und fruchtbarer sei, fordere ich auch jede Teilkirche auf, in einen entschiedenen Prozess der Unterscheidung, der Läuterung und der Reform einzutreten.

31. Der Bischof muss immer das missionarische Miteinander in seiner Diözese fördern, indem er das Ideal der ersten christlichen Gemeinden verfolgt, in denen die Gläubigen ein Herz und eine Seele waren (vgl. Apg 4,32). Darum wird er sich bisweilen an die Spitze stellen, um den Weg anzuzeigen und die Hoffnung des Volkes aufrecht zu erhalten, andere Male wird er einfach inmitten aller sein mit seiner schlichten und barmherzigen Nähe, und bei einigen Gelegenheiten wird er hinter dem Volk hergehen, um denen zu helfen, die zurückgeblieben sind, und – vor allem – weil die Herde selbst ihren Spürsinn besitzt, um neue Wege zu finden. In seiner Aufgabe, ein dynamisches, offenes und missionarisches Miteinander zu fördern, wird er die Reifung der vom Kodex des Kanonischen Rechts34 vorgesehenen Mitspracheregelungen sowie anderer Formen des pastoralen Dialogs anregen und suchen, in dem Wunsch, alle anzuhören und nicht nur einige, die ihm Komplimente machen. Doch das Ziel dieser Prozesse der Beteiligung soll nicht vornehmlich die kirchliche Organisation sein, sondern der missionarische Traum, alle zu erreichen.

32. Da ich berufen bin, selbst zu leben, was ich von den anderen verlange, muss ich auch an eine Neuausrichtung des Papsttums denken. Meine Aufgabe als Bischof von Rom ist es, offen zu bleiben für die Vorschläge, die darauf ausgerichtet sind, dass eine Ausübung meines Amtes der Bedeutung, die Jesus Christus ihm geben wollte, treuer ist und mehr den gegenwärtigen Notwendigkeiten der Evangelisierung entspricht. Johannes Paul II. bat um Hilfe, um »eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet«.35 In diesem Sinn sind wir wenig vorangekommen. Auch das Papsttum und die zentralen Strukturen der Universalkirche haben es nötig, dem Aufruf zu einer pastoralen Neuausrichtung zu folgen. Das ZweiteVatikanische Konzil sagte, dass in ähnlicher Weise wie die alten Patriarchatskirchen »die Bischofskonferenzen vielfältige und fruchtbare Hilfe leisten [können], um die kollegiale Gesinnung zu konkreter Verwirklichung zu führen«.36 Aber dieser Wunsch hat sich nicht völlig erfüllt, denn es ist noch nicht deutlich genug eine Satzung der Bischofskonferenzen formuliert worden, die sie als Subjekte mit konkreten Kompetenzbereichen versteht, auch einschließlich einer gewissen authentischen Lehrautorität.37 Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen.

33. Die Seelsorge unter missionarischem Gesichtspunkt verlangt, das bequeme pastorale Kriterium des „Es wurde immer so gemacht“ aufzugeben. Ich lade alle ein, wagemutig und kreativ zu sein in dieser Aufgabe, die Ziele, die Strukturen, den Stil und die Evangelisierungs- Methoden der eigenen Gemeinden zu überdenken. Eine Bestimmung der Ziele ohne eine angemessene gemeinschaftliche Suche nach den Mitteln, um sie zu erreichen, ist dazu verurteilt, sich als bloße Fantasie zu erweisen. Ich rufe alle auf, großherzig und mutig die Anregungen dieses Dokuments aufzugreifen, ohne Beschränkungen und Ängste. Wichtig ist, Alleingänge zu vermeiden, sich immer auf die Brüder und Schwestern und besonders auf die Führung der Bischöfe zu verlassen, in einer weisen und realistischen pastoralen Unterscheidung.

III. Aus dem Herzen des Evangeliums

34. Wenn wir alles unter einen missionarischen Gesichtspunkt stellen wollen, dann gilt das auch für die Weise, die Botschaft bekannt zu machen. In der Welt von heute mit der Schnelligkeit der Kommunikation und der eigennützigen Auswahl der Inhalte durch die Medien ist die Botschaft, die wir verkünden, mehr denn je in Gefahr, verstümmelt und auf einige ihrer zweitrangigen Aspekte reduziert zu werden. Daraus folgt, dass einige Fragen, die zur Morallehre der Kirche gehören, aus dem Zusammenhang gerissen werden, der ihnen Sinn verleiht. Das größte Problem entsteht, wenn die Botschaft, die wir verkünden, dann mit diesen zweitrangigen Aspekten gleichgesetzt wird, die, obwohl sie relevant sind, für sich allein nicht das Eigentliche der Botschaft Jesu Christi ausdrücken. Es ist also besser, realistisch zu sein und nicht davon auszugehen, dass unsere Gesprächspartner den vollkommenen Hintergrund dessen kennen, was wir sagen, oder dass sie unsere Worte mit dem wesentlichen Kern des Evangeliums verbinden können, der ihnen Sinn, Schönheit und Anziehungskraft verleiht.

35. Eine Seelsorge unter missionarischem Gesichtspunkt steht nicht unter dem Zwang der zusammenhanglosen Vermittlung einer Vielzahl von Lehren, die man durch unnachgiebige Beharrlichkeit aufzudrängen sucht. Wenn man ein pastorales Ziel und einen missionarischen Stil übernimmt, der wirklich alle ohne Ausnahmen und Ausschließung erreichen soll, konzentriert sich die Verkündigung auf das Wesentliche, auf das, was schöner, größer, anziehender und zugleich notwendiger ist. Die Aussage vereinfacht sich, ohne dadurch Tiefe und Wahrheit einzubüßen, und wird so überzeugender und strahlender.

36. Alle offenbarten Wahrheiten entspringen aus derselben göttlichen Quelle und werden mit ein und demselben Glauben geglaubt, doch einige von ihnen sind wichtiger, um unmittelbarer das Eigentliche des Evangeliums auszudrücken. In diesem grundlegenden Kern ist das, was leuchtet, die Schönheit der heilbringenden Liebe Gottes, die sich im gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus offenbart hat. In diesem Sinn hat das Zweite Vatikanische Konzil gesagt, »dass es eine Rangordnung oder „Hierarchie“ der Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens«.38 Das gilt sowohl für die Glaubensdogmen als auch für das Ganze der Lehre der Kirche, einschließlich der Morallehre.

37. Der heilige Thomas von Aquin lehrte, dass es auch in der moralischen Botschaft der Kirche eine Hierarchie gibt, in den Tugenden und in den Taten, die aus ihnen hervorgehen.39 Hier ist das, worauf es ankommt, vor allem »den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam ist« (Gal 5,6). Die Werke der Nächstenliebe sind der vollkommenste äußere Ausdruck der inneren Gnade des Geistes: »Das Hauptelement des neuen Gesetzes ist die Gnade des Heiligen Geistes, die deutlich wird durch den Glauben, der durch die Liebe handelt.«40 Darum behauptet der heilige Thomas, dass in Bezug auf das äußere Handeln die Barmherzigkeit die größte aller Tugenden ist: »An sich ist die Barmherzigkeit die größte der Tugenden. Denn es gehört zum Erbarmen, dass es sich auf die anderen ergießt und – was mehr ist – der Schwäche der anderen aufhilft; und das gerade ist Sache des Höherstehenden. Deshalb wird das Erbarmen gerade Gott als Wesensmerkmal zuerkannt; und es heißt, dass darin am meisten seine Allmacht offenbar wird.«41

38. Es ist wichtig, die pastoralen Konsequenzen aus der Konzilslehre zu ziehen, die eine alte Überzeugung der Kirche aufnimmt. Vor allem ist zu sagen, dass in der Verkündigung des Evangeliums notwendigerweise ein rechtes Maß herrschen muss. Das kann man an der Häufigkeit feststellen, mit der einige Themen behandelt werden, und an den Akzenten, die in der Predigt gesetzt werden. Wenn zum Beispiel ein Pfarrer während des liturgischen Jahres zehnmal über die Enthaltsamkeit und nur zwei- oder dreimal über die Liebe oder über die Gerechtigkeit spricht, entsteht ein Missverhältnis, durch das die Tugenden, die in den Schatten gestellt werden, genau diejenigen sind, die in der Predigt und in der Katechese mehr vorkommen müssten. Das Gleiche geschieht, wenn mehr vom Gesetz als von der Gnade, mehr von der Kirche als von Jesus Christus, mehr vom Papst als vom Wort Gottes gesprochen wird.

39. Ebenso wie der organische Zusammenhang zwischen den Tugenden verhindert, irgend-eine von ihnen aus dem christlichen Ideal auszuschließen, wird auch keine Wahrheit geleugnet. Man darf die Vollständigkeit der Botschaft des Evangeliums nicht verstümmeln. Außerdem versteht man jede Wahrheit besser, wenn man sie in Beziehung zu der harmonischen Ganzheit der christlichen Botschaft setzt, und in diesem Zusammenhang haben alle Wahrheiten ihre Bedeutung und erhellen sich gegenseitig. Wenn die Predigttätigkeit treu gegenüber dem Evangelium ist, zeigt sich in aller Klarheit die Zentralität einiger Wahrheiten, und es wird deutlich, dass die christliche Morallehre keine stoische Ethik ist, dass sie mehr ist als eine Askese, dass sie weder eine bloße praktische Philosophie ist, noch ein Katalog von Sünden und Fehlern. Das Evangelium lädt vor allem dazu ein, dem Gott zu antworten, der uns liebt und uns rettet – ihm zu antworten, indem man ihn in den anderen erkennt und aus sich selbst herausgeht, um das Wohl aller zu suchen. Diese Einladung darf unter keinen Umständen verdunkelt werden! Alle Tugenden stehen im Dienst dieser Antwort der Liebe. Wenn diese Einladung nicht stark und anziehend leuchtet, riskiert das moralische Gebäude der Kirche, ein Kartenhaus zu werden, und das ist unsere schlimmste Gefahr. Denn dann wird es nicht eigentlich das Evangelium sein, was verkündet wird, sondern einige lehrmäßige oder moralische Schwerpunkte, die aus bestimmten theologischen Optionen hervorgehen. Die Botschaft läuft Gefahr, ihre Frische zu verlieren und nicht mehr „den Duft des Evangeliums“ zu haben.

Anmerkungen:

Anmerkungen:

20 Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christifideles laici (30. Dezember 1988), 32: AAS 81 (1989), 451.

21 V. Generalversammlung der Bischöfe von Latein-amerika und der Karibik, Dokument von Aparecida (29.Juni 2007), 201.

22 Ebd., 551.

23 Paul VI., Enzyklika Ecclesiam suam (6. August 1964), 3: AAS 56 (1964), 611-612.

24 Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret Unitatis redintegratio über den Ökumenismus, 6.

25 Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Oceania (22. November 2001), 19: AAS 94 (2002), 390.

26 Ders., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christi-fideles laici (30. Dezember 1988), 26: AAS 81 (1989), 438.

27 Vgl. Propositio 26.

28 Vgl. Propositio 44.

29 Vgl. Propositio 26.

30 Vgl. Propositio 41.

31 Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret Christus Dominus über die Hirtenaufgabe der Bischöfe, 11.

32 Vgl. Benedikt XVI., Ansprache an die Teilnehmer am Internationalen Kongress zum 40. Jahrestag des Konzilsdekrets Ad gentes über die Missionstätigkeit der Kirche (11. März 2006): AAS 98 (2006), 337.

33 Vgl. Propositio 42

34 Vgl. Canones 460-468; 492-502; 511-514; 536-537.

35 Enzyklika Ut unum sint (25. Mai 1995), 95: AAS 87 (1995), 977-978.

36 Dogm. Konst. Lumen gentium über die Kirche, 23.

37 Vgl. Johannes Paul II., Motu proprio Apostolos suos (21. Mai 1998): AAS 90 (1998), 641-658.

38 Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret Unitatis redintegratio über den Ökumenismus, 11.

39 Vgl. Summa Theologiae I-II, q. 66, a. 4-6.

40 Summa Theologiae I-II, q. 108, a. 1.41 Summa Theologiae II-II, q. 30, a. 4. Vgl. ebd., q. 30, a. 4, ad 1: »Wir ehren Gott durch die äußeren Opfer und Geschenke nicht seinetwegen, sondern unseretwegen und des Nächsten wegen; denn er bedarf unserer Opfer nicht, sondern will, dass sie ihm dargebracht werden um unserer Hingabe und um des Nutzens des Nächsten willen. Deshalb ist das Erbarmen, durch das wir dem Elend der anderen zu Hilfe kommen, ein Opfer, das ihm wohlgefälliger ist, weil es dem Nutzen des Nächsten näher kommt.«